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STIFTUNG FÜR KONKRETE KUNST ROLAND PHLEPS
FREIBURG-ZÄHRINGEN, POCHGASSE 73
 
 

 

Nachruf auf Roland Phleps

von Dr. Friederike Zimmermann

6. Mai 2020

Wäre es nach ihm gegangen, hätte Roland Phleps noch viele Jahre unter uns geweilt, so sehr hing er am Leben. Am 20. April 2020 musste er im Alter von 95 Jahren und noch voller Pläne und Tatendrang widerstrebend den Lebensfaden aus der Hand geben.

So vielseitig sein Leben und seine Laufbahn waren, so viele Facetten konnte er dem Dasein auch abgewinnen. Und dies machte ihn zu einem überaus liebenswürdigen, interessierten Menschen und aufgeschlossenen Gesprächspartner. In Unterhaltungen kam er zunächst von einem zum anderen, um dann aber über ein paar Ecken auch wieder zurück zum Ausgangspunkt zu kommen. War für ihn doch alles irgendwie eines und nicht voneinander zu trennen – sein Beruf als Arzt und Psychiater nicht von seiner späten Berufung als Stahlbildner; die bildende Kunst nicht von der Musik und diese nicht von Poesie und Literatur, Geschichte oder Natur …

Vergangenen Winter wurde ich von der Stiftung beauftragt, mit ihm ein Interview zu führen. Aus diesem Gespräch wurden drei lange Nachmittage, prall gefüllt mit Erinnerungen, Gedichten, philosophischen Erkenntnissen und Anekdoten: Eine wunderbare Zeit, die ich nie vergessen werde! Immer wieder rannen ihm Tränen übers Gesicht, nämlich stets dann, wenn es um Krieg und Frieden, Grausamkeit, Schönheit oder Liebe ging. Auch der Tod beschäftigte ihn sehr. Er nahm einen erheblichen Teil des Gesprächs ein. Hatte der ihm doch vor über dreißig Jahren den noch jungen Sohn genommen. Sehr präsent war ihm auch der Tod der Eltern, Großeltern und Kriegskameraden.

Wenn er dann über den Tod sprach, so ging es ihm nie darum, das Leben partout festhalten zu wollen. Nicht die Tatsache, vielleicht schon bald zu sterben, erschreckte ihn. Vielmehr beschäftigte ihn sehr, welchen Abdruck, welche Spuren er in der Welt zurücklassen würde. Ob es überhaupt welche von ihm geben würde; auch dann, wenn er schon länger nicht mehr da sei. Das Gedenken sei das, was einen fortleben lasse. Erst wenn nicht mehr an einen gedacht würde, sei man endgültig gestorben. Das sagte er auch im Zusammenhang mit seinem Sohn in einem Gedicht. Er fürchtete, wenn er und seine Frau, also die Eltern, auch nicht mehr da seien, würde keiner mehr an den Sohn denken; und dann sei er endgültig gestorben.

Natürlich fragte ich ihn auch, wie denn nach seinem Tod an ihn gedacht werden soll; was denn von ihm übrigbleiben sollte. Er wird zweifelsohne sehr viele Spuren hinterlassen. Nicht nur aus Stahl, auch Musik, Gedichte, Texte. Aber was sei die Essenz von dem Ganzen? Wie ließe sich das zusammenfassen. Es sind ja so viele verschiedene Spuren, die dennoch alle einen Ausgangspunkt haben.

Er antwortete:

"Das werden die Gedichte sein. Ein Gedicht, das ich nicht veröffentlicht habe, sage ich Ihnen auswendig auf:
›Wenn ich den Abschied bestanden habe,
sucht mich nicht auf dem Friedhof.
Asche unter der Erde, ich bin es nicht.
Findet mich auf meinem sonnigen Wiesenhang.
Bei meiner Bank, bei meinen schimmernden Stahlskulpturen,
streng und zugleich leicht wie Musik.
Nehmt meine Hand, wie nah wir uns sind, Ihr Lieben alle.‹
Da bin ich drin."
Sagte er und weinte.