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STIFTUNG FÜR KONKRETE KUNST ROLAND PHLEPS
FREIBURG-ZÄHRINGEN, POCHGASSE 73
 
 

 

Ansprache von Dr. Antje Lechleiter zur Eröffnung der Ausstellung von

Jean-Pierre Viot

Illusion Géométrique

Malerei und Skulptur

am 8. Mai 2016 in der Skulpturenhalle der
Stiftung für Konkrete Kunst Roland Phleps in Freiburg

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Jean-Pierre Viot, den ich mit seiner Frau Colette herzlich begrüßen darf, haben wir heute einen Künstler aus Frankreich zu Gast. Viot wurde in Sens geboren, er lebt und arbeitet in Paris und in Veron, das liegt im Burgund. Bevor ich näher auf die Ausstellung eingehen werde, möchte ich Jean-Pierre Viot noch ganz herzlich gratulieren, denn er hatte gestern Geburtstag und hat diesen also bei uns in Freiburg gefeiert. Bei Frau Heinzelmann bedanke ich mich für die Bereitschaft, meine Einführung im Vorfeld ins Französische zu übersetzen, so dass die Viots meine Rede nun auch mitverfolgen und verstehen können. Bedanken möchte ich mich auch bei unseren beiden Aufbauhelfern, Frau Streb und Herrn Künzle. Begrüßen darf ich auch Henk Rusman aus den Niederlanden, der im September gemeinsam mit seinem Landsmann Henk Crouwel in der Stiftung ausstellen wird.

Herrn Phleps geht es wie mir: Wir erinnern uns sehr gerne an unseren Besuch bei den Viots in Veron im vergangenen Jahr. Wir wurden in ihrem Haus mit großer Gastfreundschaft empfangen und waren im Atelier von den außergewöhnlichen Werken des Künstlers beeindruckt. Vor Ort hatten wir die Gelegenheit, einen Überblick über das Œuvre des Künstlers zu gewinnen, und im Hinblick auf unsere Ausstellung haben wir Arbeiten - Malerei und Skulpturen - ausgewählt, die zwischen 1997 und 2016 entstanden sind. Auf der Bildliste erkennen Sie die Entstehungsdaten mit Hilfe der Werknummern. Dabei steht die erste Zahl für den Monat, die zweite für das Jahr und die dritte nummeriert schließlich die Reihenfolge der Fertigstellung. Das heißt, dass die drei Arbeiten der Serie "Evasion Quadratique", die links oben auf der Galerie zu sehen sind, auf den Mai 1997 datieren und die ältesten Werke unserer Ausstellung sind, während hier in der Halle innerhalb der beiden Serien "Plans" und "Spacial" ganz neue Werke des Jahres 2016 präsentiert werden.

Mich fasziniert die große Reduktion, zu der Jean-Pierre Viot im Laufe seiner künstlerischen Entwicklung gefunden hat. Der Künstler beschränkt sich inzwischen auf die Kombination von wenigen Linien, Kreisbögen, Winkeln und Quadraten. Ihrer Setzung ist allerdings ein langes und intensives Nachdenken über das Wesen und die Möglichkeiten der konkret-konstruktiven Kunst anzusehen. Die unbunten Farben Weiß und Schwarz dominieren, hinzu kommen monochrome Farbflächen und farbige Linien, welche die Bildfläche in Schwingung versetzen. Seine Arbeiten sind ein guter Beweis dafür, dass die aktuelle konkret konstruktive Kunst nicht spröde und verkopft, sondern überaus zart und poetisch sein kann.

"Spacial", "Plans" und "Illusion géométrique" - schon die Titel der verschiedenen Werkgruppen geben einen Hinweis darauf, dass es Jean-Pierre Viot letztendlich um die Frage geht, wie sich aus der Fläche heraus Raum entwickeln kann. In inzwischen geradezu minimalistischer Reduktion widmet sich der Künstler einem Thema, das die Malerei seit vielen Jahrhunderten beschäftigt. Denn wie nur lässt sich die Illusion von Dreidimensionalität auf der unausweichlich zweidimensionalen Leinwand erzeugen? Die Renaissancemalerei hat mit ihrer Verbindung von Kunst und Naturwissenschaft perfekte Lösungen für dieses Problem gefunden. Doch da sich die Bildinhalte der konkret-konstruktiven Kunst vollkommen unabhängig von Naturvorbildern vermitteln, sind hier natürlich keine fluchtpunktperspektivisch dargestellten Innen- oder Außenräume im Stile des 15. Jahrhunderts zu erwarten. Dennoch kommt der Kraft der Illusion in Viots Werken eine wichtige Bedeutung zu, und er führt uns hier in der Ausstellung eindrucksvoll vor, dass die Malerei in der Tat über die Fläche des Bildträgers triumphieren kann. Blicken Sie nur diese quadratische Arbeit der Serie "Spacial" an, sie entstand vor wenigen Wochen im April 2016. Auf dem Bild kommen die drei Primärfarben Blau, Gelb, Rot, sowie die Farbe Grün vor, überdies finden wir die unbunten Farben Weiß und Schwarz. Mit den sich teilweise überschneidenden Kreissegmenten und abgewinkelten Linien setzt sich das Bild aus einer abzählbaren Menge von Elementen zusammen, die gleichmäßig auf der Leinwand verteilt sind. Es gibt keinen erkennbaren Pinselduktus, also keine Spuren der gestaltenden Hand und wir finden keinerlei Anlehnung an Naturerscheinungen. So weit, so gut. Doch betrachtet man dieses Werk, oder überhaupt die Werke dieser Serie "Spacial" länger, dann gewinnen die zarten, blauen, gelben, roten, grünen und schwarzen Linien mehr und mehr an Volumen. Unsere Augen können quasi um sie herumwandern und wir tauchen ein in dieses endlos weite Universum aus Formen.

Als wir am Mittwoch die Arbeiten auf dieser Seite gehängt haben, da war es faszinierend zu erleben, wie sich die Linien nicht nur von ihrem weißen Untergrund sondern sogar von der weißen Wand lösen und sowohl in den Raum hinein als auch hinter die Wandfläche greifen. Diesen, für ihn extrem wichtigen, räumlichen Aspekt seiner Malerei verdeutlicht auch ein Zitat des Künstlers: "Quadrate und Quadratsegmente, Kreissegmente, Farbflächen und Winkel stellen dort ein Gleichgewicht her, wo der Raum nicht nur auf die Fläche der Leinwand beschränkt ist." Und genau das sehen wir heute auf diesen Bildern: Hier gibt es kein Zentrum, Formen und Grund sind miteinander verzahnt, sie beziehen auch den Umraum mit ein und sie reagieren auf ihn. So setzen sich Viots Kompositionen mit der tänzerischen Leichtigkeit einer zarten, feinen Linie über die Fesselung an die Fläche ihres Bildträgers hinweg und eröffnen dem Betrachter einen geradezu "sphärischen" Tiefenraum.

An der Rückwand der Empore finden sich vier Werke der Serie "Illusion Géométrique", die kurz nach der Jahrtausendwende entstanden und in Acryl auf Leinwand ausgeführt sind. Auch sie bestehen aus geometrischen Elementen, die durch ihre genau austarierte Gruppierung eine kompositorische Einheit bilden. Mit Ausnahme von kleinsten, roten Partikeln sind diese Werke unbunt, und mit ihrem starken Hell-Dunkel-Kontrast thematisieren sie das Wechselspiel von Figur und Grund. Hier zeigt sich deutlich, dass es Viot genauso um die bildkonstituierenden Formen wie um die zwischen ihnen liegenden Leerflächen geht. Form ist Leere und Leere ist Form.

Mit seinen Klein- und Großskulpturen aus Stahl geht Jean-Pierre Viot ein weiteres Mal - aber diesmal eben ganz real - in die dritte Dimension. Diese Arbeiten ergänzen und erweitern das malerische Werk und beweisen erneut, dass Geometrie und Poesie kein Widerspruch sein muss. Sein sicheres Gefühl für die minimalistische Anordnung von elementaren Formen wie dem Dreieck und dem Kreissegment, das perfekte Austarieren von Schwingung und Balance beherrscht auch sein bildhauerisches Werk. Hat man seine Gemälde gesehen, so verwundert es nicht, dass "Equilibre", also Gleichgewicht, ein Titel ist, der in seiner Skulptur immer wieder vorkommt. Denn auch in seinen auf einfachste Grundformen reduzierten Stahlskulpturen finden wir dieses Verharren in einer für einen kurzen Moment zum Stillstand gekommenen Bewegung, diesen labilen Zustand zwischen Schwingung und Balance. Oben auf der Empore finden sich aber auch Kleinskulpturen, die mit ihren Drehungen und ihrer räumlichen Anordnung wesentlich dynamischer in den Raum greifen. Auch diese beiden offenen, sich wie Diagonalen im Raum kreuzenden Kreisscheiben verfügen über eine sehr bewegte Linien- und Flächenführung. Man könnte sie als ein Modell ansprechen, das Raumbeziehungen thematisiert.

Sehr geehrte Damen und Herren, Jean-Pierre Viot vertritt innerhalb der konkreten Kunst eine vollkommen eigenständige Position. Seine Skulpturen und Gemälde sind Zeugnisse der Ausgewogenheit ungleicher Elemente. Sie bilden einen Zusammenklang, der uns meditative Seherlebnisse vermittelt und uns für die Stille und das Einfache empfänglich macht. Eine Wohltat in einer Welt, die mehr und mehr von Bildern überflutet wird.