| |
Ansprache von Roland Phleps
am 10. Mai 2009
zur Vernissage der Ausstellung
Johannes von Stumm: Skulpturen aus Metall, Glas und Stein
in der
Stiftung für Konkrete Kunst Roland Phleps
in Freiburg
Lieber Johannes, liebe Freunde unserer Stiftung,
meine Damen und Herren!
Es ist schon eine Reihe von Jahren her, dass im
Skulpturen-Kabinett von Frau Regine Kemmerich in einer Ausstellung
mehrerer Künstler Skulpturen von Johannes von Stumm zu sehen waren,
die mich prima vista faszinierten: Sie waren jeweils aus ganz
unterschiedlichen Materialien komponiert und entfalteten eine
starke ästhetische Wirkung. Von früheren Erfahrungen war mir
bewusst, wie schwierig es ist, bei einer Kombination etwa von Stahl
und Stein, von Metall und Holz der Gefahr des Geschmäcklerischen,
des nur Kunsthandwerklichen oder Ornamentalen zu entgehen und zu
überzeugenden Lösungen zu gelangen.
Der Künstler war anwesend und wir führten ein angeregtes
Gespräch. Ich bedauerte, dass eine größere Ausstellung in unserer
Halle wegen des umständlichen Transports von England herüber wohl
nicht zu realisieren sei, doch zerstreute Herr von Stumm meine
Bedenken mit dem Hinweis, dass er den LKW-Transport selbst
durchführen könne. Nun haben wir den anfangs nur vagen Plan
realisiert, zu unser beider Freude, und wie ich hoffe, auch zur
Freude der Besucher dieser Skulpturen-Ausstellung.
Es gehört zu den Gepflogenheiten bei einer Vernissage, den
ausstellenden Künstler und seine biografische Entwicklung
darzustellen. Über Details, namentlich von Erfolgen und Ehrungen,
können Sie sich, meine Damen und Herren, anhand des schriftlichen
curriculum vitae informieren, das im Eingangsbereich an die Wand
der Halle geheftet ist.
Johannes von Stumm ist vor fünfzig Jahren 1959 in München zur
Welt gekommen. Es mag sein, dass die Nähe der Alpen schon in der
Kindheit zur Vertrautheit mit Gestein und Eis geführt hat, die in
seinem späteren künstlerischen Werk anklingt. Auch kann sich die
250-jährige Familientradition von Schmieden und Stahlwerkeignern in
der Vertrautheit mit Eisen und Stahl auswirken. Als Junge hat
Johannes bei seinen Malversuchen die Einbringung von Glasscherben
und von Metallstücken versucht. Er hat als achtzehnjähriger Schüler
das Rodin-Museum in Paris besucht, was ihn tief bewegte und zu
bildnerischen Versuchen mit Lehm und Gips motivierte. Nach dem
Abitur arbeitete er in einer Münchner Steinmetzwerkstatt und
besuchte während seines dreijährigen Jura- und
politikwissenschaftlichen Studiums Abendkurse im Zeichnen. Von 1988
bis 1989 absolvierte er sein Studium der Bildhauerei an der
Münchner Akademie der bildenden Künste, das er mit dem Diplom
abschloss. Wichtig ist, dass er als freischaffender Bildhauer in
München nach Kontakten mit englischen Glasbildnern jahrelang die
"Sommerakademie Bildwerk" in Frauenau besuchte, um die
Heißglas-Techniken zu erlernen; an der Münchner Akademie hatte er
keine Hinweise zur Lösung seines Problems der
Glas-Stahl-Stein-Kombination bekommen können.
Seit Beginn der Neunzigerjahre wandte er sich dieser
bildnerischen Kombination der Materialien Glas, Stein, Stahl und
Bronze zu, deren anfänglicher Aggregatzustand, wie wir wissen,
glutflüssig ist. Das in selbst gefertigte Stahlformen geblasene
Glas, der geschmiedete Stahl, der behauene Granit in ihrer sehr
verschiedenen Stofflichkeit erfordern die Beherrschung
differenzierter handwerklicher Techniken, die er sich erarbeitet
hat.
Seit 1995 arbeitet Johannes von Stumm als freischaffender
Bildhauer in South Fawley in der englischen Grafschaft Oxfordshire,
wo er mit seiner Familie lebt. Er hat eine Vielzahl erfolgreicher
Ausstellungen und Gastdozenturen gehabt, ist seit 1997 Mitglied der
Royal British Society of Sculptors,
deren Ratsmitglied und
Schatzmeister er wurde und zu deren Präsidenten er im Mai dieses
Jahres gewählt werden soll - wir gratulieren und hoffen, dass
ihm noch genügend Zeit für kreatives Arbeiten bleibt!
Wenden wir uns jetzt den beiden Gruppen der hier ausgestellten
Werke zu.
Wenn ich versuche, mir Rechenschaft davon zu geben,
woher die eingangs genannte starke ästhetische Wirkung der aus
mehreren Materialien komponierten Werke rührte, glaube ich, die
Antwort darin zu finden, dass gerade im Kontrast die Materialität
als bestimmendes ästhetisches Element sinnfällig wird. Ich
wiederhole diesen Satz mit anderen Worten: Im Kontrast wird die
Stofflichkeit der Bauelemente den Sinnen besonders intensiv
zugänglich.
Hier ist ein Exkurs in das sprachliche und literarische Gebiet
angebracht. Was ist ästhetisch? Wir bezeichnen damit, was uns
gefällt, was wir als schön empfinden, was harmonisch
ausgewogen ist, was uns als Kunstwerk formal geglückt
erscheint. Das ist richtig, aber nicht umfassend genug. Im
Griechischen bedeutet aisthesis Wahrnehmung, Empfindung, Gefühl,
aber auch Sinn und Erkenntnis. Aisthesis ist, was von
allen Sinnen wahrgenommen werden kann, nicht vom Auge
allein. - Das Ästhetische ist sinnlich, nicht intellektuell,
es ist lebendig, "nicht von des Gedankens Blässe
angekränkelt", und das Sinnliche schließt die erotische
Dimension mit ein.
In seiner fünften Römischen Elegie hat Goethe diese Durchdringung
von Sinn und Sinnlichkeit in den Worten verdichtet
"... sehe mit fühlendem Aug, fühle mit sehender
Hand".
Das, was uns berührt mittels der sinnlichen Wahrnehmung möchten wir
selbst berühren, sinnlich begreifen; was dabei in uns geweckt
werden kann, ist Freude und Lust zugleich, ein beglückendes Gefühl,
für das die Griechen nur ein Wort hatten: hedone.
Zurück zu den besprochenen Werken, bei denen die Materialität,
die Stofflichkeit ihrer Elemente im Kontrast sinnfällig
wird. Natürlich brauchen diese Werke Gestalt, brauchen die Planung
und Gestaltung als Körper im Raum, um als Kunstwerk in Erscheinung
zu treten. Einfache Grundformen herrschen vor, die uns vertraut
erscheinen, von denen Ruhe ausgeht und Kraft. - Ich glaubte,
beim Betrachten dieser Skulpturen in den mir zugänglichen Katalogen
das Gestaltungsprinzip und das formale Vokabular des Künstlers
erfasst zu haben. Beim Auspacken der Exponate für unsere
Ausstellung stand ich aber ganz unerwartet vor zwei im Jahr 2009
geschaffenen Skulpturen, die einen Schritt in größere Freiheit
erkennen lassen, nämlich vor
"Nautilus" und
"Schiffsbug".
Der "Nautilus" ist eine freie Abwandlung der geometrisch
definierten Spiralen, eine Kombination mit der Kreisform, und der
"Schiffsbug" erscheint mir so großartig und neu wie die
Einbringung einer Posaune in ein Kammerorchester.
Wie verhalten sich nun diese Werke zu den Skulpturen der zweiten
Werkgruppe, die auf den ersten Blick ganz anders zu sein scheinen?
Es handelt sich um figurative, an die menschliche Gestalt
angelehnte Werke, die nicht abbilden, sondern ins Zeichenhafte
tendieren. Die menschliche Figur ist in der materiellen Substanz,
in Stahl oder Bronze zu erkennen, ebenso aber in den Aussparungen,
die lediglich als eine Negativform der substantiellen Gestalt
aufgefasst werden können, doch sucht der Künstler in diesen
Skulpturen etwas Absolutes, ein Höchstmaß an Reinheit,
Vollkommenheit und Vergeistigung. Was wir als Leerform bezeichnen
können, ist für den Künstler das reine Licht, das Immaterielle als
extreme geistige Erscheinung des Stofflichen; hier wird selbst das
Glas als Gestaltungselement an Transparenz, an Geistigkeit
übertroffen.
Die Gesten, der Ausdruck seiner Gestalten sind
allgemein-menschlich, sie haben keine verbale Sprache nötig: Da ist
die Willkommensgebärde der ausgebreiteten Arme, die kniende
Darbringung einer Opfergabe, die Harmonie eines
Menschenpaares, die
Ruhe und Entrücktheit einer immateriellen sitzenden Gestalt.
Wir alle sind als Betrachter von Kunstwerken, wie auch sonst im
Leben, unterschiedlich strukturiert, verschieden konditioniert, in
unseren Erwartungen und unserer Schwingungsfähigkeit dem Kunstwerk
näher oder ferner. Beethovens Zeitgenossen waren ratlos beim Hören
seiner späten Streichquartette. ARS LONGA, VITA BREVIS. Vielleicht
ist unser Leben doch nicht zu kurz, um uns an Einfühlungsvermögen
und Verständnis für die Kunst wachsen zu lassen. Zum Schluss noch
einmal Goethe: "Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen."
Johannes von Stumm hat es, da bin ich sicher, wohl verdient.
Wir freuen uns, dass er anwesend ist und bereit, auf unsere Fragen
im Gespräch Auskunft zu geben.
|
|
|
Johannes von Stumm:
Skulpturen aus Metall, Glas und Stein
Einladung
Wegbeschreibung
Ansprache bei der Vernissage
Skulptur "Water and Stone"
Bilder der Ausstellung
Pressebericht:
Figur mit Glasstirn
Badische Zeitung, 03.06.2009
Kurzbiographie

zur Liste der Ausstellungen

Homepage von Johannes von Stumm
|