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MARTIN WILLING
"Skulpturen gegen die Schwere"
Ansprache von Roland Phleps am 13.03.2005
anlässlich der Vernissage
Lieber Martin Willing,
Sie haben schon von Frau Rönn-Kollmann gehört, wie sehr wir uns
freuen, Sie und Ihre Frau hier und heute bei der Präsentation einer
Auswahl Ihrer Werke zu begrüßen. Besonders freue ich mich, Sie
unseren Gästen vorzustellen, in der Hoffnung, Sie nicht mit schon
oft Gesagtem und Gehörtem zu langweilen und meine Gedanken so
darzulegen, dass sie beim zehnjährigen Enkel wie beim Kunstfreund
ohne Altersbegrenzung richtig ankommen.
Meine Damen und Herren, unser Gast Martin Willing ist 1958
in Bocholt geboren; er hat 1978 bis 1985 an der Kunstakademie
Münster sein Kunststudium mit dem Studium der Physik an der
Westfälischen Wilhelms Universität in Münster kombiniert. Schon vom
23. Lebensjahr an hat er als Künstler Preise und Stipendien
bekommen und nach drei Referendariatsjahren 1988 das zweite
Staatsexamen in Kunst und Physik abgelegt.
Martin Willing ist seit vielen Jahren ausschließlich als Künstler
in Köln tätig. Seine Arbeiten bleiben aber, auch für den
Nichtfachmann sichtbar, der Erfahrung und Anwendung physikalischer
Gesetze ebenso verpflichtet, wie sie den Kriterien der Ästhetik mit
ihrem Anspruch als Kunstwerke genügen. Um es bildhaft zu sagen: Da
steht ein Baum vor uns, schlank wie eine Birke oder mächtig wie
eine Eiche, und wir wissen, dass er ohne sein Wurzelwerk nicht da
stünde.
Ich verzichte darauf, in dieser Einführung im Detail auf die
Entdeckungen und die konstruktiven Gedanken des Künstlers
einzugehen, auf seine Entwicklungen und Intentionen, denn das
müsste jeweils angesichts eines einzelnen seiner Werke
erfolgen. Ich möchte nur darauf verweisen, dass
Martin Willings Arbeiten teils von Rundstäben ausgehen, von
Flacheisen oder Bändern, die gedreht, gestreckt oder gebogen und
zugeschliffen werden; andere Kunstwerke werden aus dem vollen
Metallblock, nämlich Duraluminium, Federstahl oder Titan
geschnitten, was durch Sägen, Laserschnitt oder Schnitt mit dem
Wasserstrahl bewerkstelligt wird. Hohes handwerkliches Geschick,
ausgetüftelte spezielle Techniken sowie Apparaturen, die er teils
selbst ersonnen und gebaut hat, müssen mit exakten
Konstruktionsplänen zusammenkommen, um die künstlerische Idee zu
realisieren. Ich verweise auf die einem Katalog aus dem
Jahr 2000 entnommen Auflistung, die Sie auf den ausliegenden
Bogen oder den Wandpostern nachlesen können.
Es geht mir darum zu versuchen, das Wesentliche in den Arbeiten
des Wissenschaftlers und Künstlers Martin Willing zu erfassen
und zu benennen. Als naturwissenschaftlich denkender Arzt meine
ich, dass wir den Zugang zum Ursprung dieser ungewöhnlichen Werke
finden, wenn wir von dem bei uns Menschen im Vergleich zu Tieren am
höchsten entwickelten und zugleich am stärksten sublimierten Trieb
ausgehen: dem aus der Neugier erwachsenden Spieltrieb.
Neugier treibt den Wissenschaftler, der die Erklärung für einen
als Problem erkannten Sachverhalt sucht, - Spielen ist
Ausdruck höchster menschlicher Freiheit, besonders des
Künstlers. Der Wissenschaftler sucht und findet (hoffentlich) den
Weg zum Ziel, er kann dann sagen: so geht es, ja, so ist
es. - Der Künstler erlebt außerdem etwas Irrationales, wenn
er sagen kann: es ist geglückt.
Ich habe in einem Ausstellungskatalog der Galerie Neher in Essen
erstmals Abbildungen von zwei kinetischen Skulpturen von Martin
Willing gesehen, zu einer Zeit, als mich selbst die Themen
"Leichtigkeit des Stahls" und "Tanzende
Skulpturen" beschäftigten. Bei meinem Besuch des Künstlers
fand ich ihn in seiner Werkstatt, die in einem ehemaligen Fort der
Festung Köln, lichtarm und zwischen dickem Mauerwerk, installiert
ist, inmitten einer Vielzahl von Maschinen und teils fertiger,
teils vorbereiteter Metallskulpturen, - nicht als
funkenumsprühten Schmied mit seinen Gesellen, aber eindrucksvoll
als "Meister der Metalle", die (bitte lachen Sie nicht)
aus der Tiefe der Erde gekommen sind und hier einem Prozess der
Vergeistigung unterzogen wurden.
Was sucht und findet dieser neugierige, spielende Mensch? Wir
alle kennen die Schwere, die tragende Kraft des Stahls, seine
Härte, die Möglichkeit, ihn zu schmieden. Wir haben im
vorelektronischen Zeitalter den Federstahl in der Unruhe einer
Taschenuhr gesehen, und wir kennen die erstaunliche Leichtigkeit
von Aluminiumgeschirr. Martin Willing geht es aber um die seinen
Werkstoffen, den Metallen, innewohnenden Möglichkeiten und Grenzen
der Spannungs-Belastung, der molekular bedingten und
Hebellängen-abhängigen Elastizität und um die daraus resultierenden
kinetischen Effekte. Bei der Beschreibung dieser Effekte liefert
ihm der Reichtum unserer Sprache eine Fülle von Bezeichnungen,
etwa: Auf und Ab, Hin und Her, Kreisen, Wippen, Taumeln, Winden,
Wenden und Wiegen, Sinken, Steigen, Schwanken, Wiegen und Wogen,
Dehnen und Stauchen, Kreisen, Wirbeln, Schnappen (soll ich weiter
zitieren?), Neigen und Aufrichten, Schweifen und Schlängeln, Rollen
und Tanzen, Schaukeln und Neigen, Verdichten und Öffnen, Pulsieren
und Atmen, Dümpeln, Zittern - und so weiter.
Auf meine Frage, wie viel Berechnung, wie viel Zufall, wie viel
Überraschungen im kinetischen Ergebnis seiner Konstruktionen sei,
hat der Meister gelächelt und etwa gesagt: Von allem etwas. Das
passt, wie ich meine, zum spielerischen Impuls des Künstlers im
Physiker.
Die Beweglichkeit der Metallskulpturen von Martin Willing, die
mich von der ersten, gut gemachten Abbildung an fasziniert hat,
findet eine Entsprechung im Wesen des Künstlers: Ich meine seine
Fähigkeit oder seinen Impetus, immer neue Gestaltungen zu suchen,
nicht beim bereits Gefundenen und Erprobten stehen zu bleiben. Für
wie viele unserer Künstler trifft das zu? Dabei ist Martin Willing
kein Getriebener. Er ist gewiss fleißig, beharrlich, unermüdlich -
wirkt aber zugleich gelassen und heiter. Ein homo ludens, dessen
Werk uns zum Mitspielen animiert, ohne und gegen unsere eigene
Schwere: beschwingt und konzentriert, ruhig und offen zum Staunen,
bereit, uns verzaubern zu lassen.
Und was sagt der Künstler? Wenig. Er folgt der Aufforderung
Goethes:
"Bilde Künstler, rede nicht!
Wie ein Hauch sei dein Gedicht."
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